Gut leben im Alter – mit neuen Quartierskonzepten

Wow, es war einfach überwältigend: Für unsere Veranstaltung „Gut leben im Alter – mit neuen Quartierskonzepten“ hatten die Grünen 60plus zusammen mit der Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg einen Raum für 80 Leute gebucht. Der war zehn Minuten vor Veranstaltungsbeginn rappeldicke voll. Und draußen stand immer noch eine lange Schlange vor dem Eingang zum Campus Uhlenhorst*!


Der Raum konnte zum Glück nach hinten hin in den Nachbarraum erweitert werden. Und es gab im Gartenhäuschen noch Bierbänke, die schnell aufgestellt wurden. Wir hatten zwei Mikrofone, so dass unsere tollen Referent*innen, unsere souveräne Moderatorin Gabriele Heise (bekannt von NDR info, siehe Bild unten) und auch die vielen Fragen der Zuhörer*innen überall gut verstanden werden konnten.


Die Idee für diese Veranstaltung kam mir nach dem Deutschen Seniorentag in Dortmund, auf dem das Thema Pflege eine große Bedeutung hatte und mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten diskutiert wurde.

Zurück in Hamburg haben wir uns nach längerer Diskussion dann für einen positiven Zugang zum Thema entschieden. Dabei ist es natürlich auch weiterhin wichtig und richtig über Pflegenotstand und fehlende Pflegekräfte zu reden. Aber am liebsten wollen wir doch alle in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben. Um zu sehen, wie das möglich werden kann, haben wir den Fokus auf spannende neue Ansätze im Quartier gelegt. Und haben sie auch gefunden! Wie zum Beispiel den ambulanten Pflegedienst Buurtzorg, deren Gründer zu Beginn ihrer Arbeit sagten: Alles, was wir tun, ist komplett falsch – und dann das System völlig umgekrempelt haben. Aber davon später mehr.


Mathilde Hackmann

Der Abend begann mit einem Vortrag von Mathilde Hackmann (Bild links), Studiengruppenleiterin an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit&Diakonie. Sie erklärte, warum das Quartier gerade für ältere Menschen so wichtig sei und dass wir unseren Blickwinkel ändern müssen: Weg vom alleinigen Blick auf Ältere als Umsorgte, hin zur Sichtweise als Sorgeleistende. Denn jeder Mensch hat das Bedürfnis für andere eine Bedeutung zu haben. Im siebten Altenbericht** der Bundesregierung werden die Kommunen deshalb aufgefordert, Aufgaben der Pflegekassen zu übernehmen.


Selbstständigkeit fördern will auch Karen Haubenreisser (Bildmitte) von der neuen Initiative Sozialraumorientierung QplusAlter***. Sogenannte Quartiers-Lots*innen sollen ältere Menschen unterstützen, zurechtzukommen. Sie sollen Hilfe zur Selbsthilfe geben, besprechen, wen man ansprechen kann – aber z.B. nicht selber die kaputte Glühbirne auswechseln. Die erste Quartiers-Lotsin, eine junge sympathische Frau, war gerade angestellt worden – und auch anwesend!

Beklagt wurde während der Diskussion, dass es zwar offenbar bereits Quartierskonzepte in einigen Stadtteilen gäbe, aber die Menschen vor Ort viel zu wenig darüber wüssten.

Das war das Stichwort für Brigitte Pagendamm (links) von altonavi, Infozentrum und Freiwilligenagentur in Altona: Alle Aktivitäten im Stadtteil werden dort gebündelt und können in ihrem Ladenlokal mitten im Quartier nachgefragt werden, ganz einfach, ohne Anmeldung. Das wird auch von vielen älteren Menschen mit Migrationshintergrund wahrgenommen. Altonavi spricht übrigens nicht von Ehrenamt, sondern von freiwilligem Engagement und statt Migrationshintergrund z.B. von türkischen Muttersprachler*innen. Gefällt mir!


Unsere grüne Seniorensprecherin in der Hamburger Bürgerschaft, Christiane Blömeke (links) ergänzte und erzählte u.a. von LeNa, einer Abkürzung für lebendige Nachbarschaft. Das Modellprojekt der SAGA gibt es bisher in Barmbek, Horn und Steilshoop und will selbstbestimmtes Wohnen in der eigenen Mietwohnung gewährleisten. Zentrale Anlaufstellen sind ein Nachbarschaftstreff, ein Nachbarschaftsbüro und ein Quartiersbüro.


AniTa eine online-Plattform, macht den Austausch zwischen pflegenden Angehörigen möglich. Knapp 30% aller erwachsenen Kinder wohnen mehr als 100 Kilometer von ihren Eltern entfernt und könnten sich nicht regelmäßig kümmern. Es könnte aber ein Tauschpartner oder eine Tauschpartnerin helfen, ein im fremden Ort verlässliches Netzwerk aufzubauen – und man selber könnte in Hamburg für Angehörige Ansprechpartner*in sein. Pflegestützpunkte informieren rund um das Thema Pflege – unabhängig von der Kassenzugehörigkeit oder dem Bezug von Sozialleistungen. Mehrgenerationenhäuser sind Treffpunkte für Jung und Alt im Stadtteil. Besuchspatenschaften werden u.a. von Freunde alter Menschen angeboten. Kulturisten-hoch2 lädt Seniorinnen und Senioren mit kleiner Rente ein, regelmäßig und kostenlos, gemeinsam mit einem jungen Menschen aus dem gleichen Stadtteil, Theater und Konzerte zu besuchen. Der Verein Wege aus der Einsamkeit bietet gratis digitale Seminare speziell für Menschen 65plus an. Und organisiert in Hamburg mit anderen Gruppen (die GRÜNEN 60plus sind auch dabei) den Weltseniorentag am 1. Oktober in einem coolen Club.

Dieser Teil war schon sehr spannend und trotz Enge und Wärme waren alle höchst konzentriert dabei. Das Highlight des Abends war dann aber Buurtzorg (sprich Bürtsorg): ein ambulanter Pflegedienst aus den Niederlanden, der übersetzt Nachbarschaftshilfe bedeutet und gerade weltweit den Pflegemarkt umkrempelt. Auch in Deutschland gibt es inzwischen vier Pilotprojekte. 

„Der Unterschied zum herkömmlichen System ist die Abkehr vom Abarbeiten vorgegebener Pflegestandards, alle Hilfe orientiert sich am autonomen Leben, das ist das Ziel“, sagt Johannes Technau (links) vom deutschen Buurtzorg Ableger aus Münster. „Der zweite große Unterschied in der Organisation sind die hierarchiefreien Teams, die gemeinsam für gute Pflege verantwortlich sind. In den Niederlanden gibt es generell weniger Hierarchien als hier, wir Deutschen müssen das erstmal lernen.“


Bei uns kommt Geld vor allem von den klammen Pflegekassen, die für Pflegeleistungen der Versicherten – je nach Pflegegrad – aufkommen. Um Geld zu verdienen, muss man also möglichst viele Leistungen in möglichst kurzer Zeit erbringen, so Technau. Deshalb sparen viele Pflegedienste bei den Personalkosten. Mit dem Ergebnis, dass Pfleger*innen und Gepflegte gleichermaßen frustriert sind. Das ist beim Non-Profit-Pflegedienst Buurtzorg anders. Und unter dem Strich auch nicht teurer, da die Honorare für die Profis zwar höher sind, die Patient*innen aber zu mehr Selbstständigkeit angeregt werden. Also mehr selber machen können.

Und dickes Plus: In den Niederlanden waren bei 10.000 Pflegekräften nur 50 Mitarbeiter*innen in der Verwaltung notwendig für Miete, Verträge, Lohnbuchhaltung (siehe Bild rechts, das Verhältnis zwischen Pflegekräften=grün und Verwaltung=gelb). Das meiste organisieren die Teams selbst. Maximal 12 Pflegekräfte sind in einem Team organisiert in einem begrenzten Umfeld. Vorbild war die Gemeindeschwester, die es früher auch bei uns gab. Bei Konflikten helfen Teambegleiter, aber nur im Notfall. In der Regel kriegen die Teams alles allein hin. Inzwischen hat Buurtzorg in den Niederlanden 14.000 Mitglieder und Modellprojekte überall auf der Welt. So einfach kann es also sein!

Nach der Diskussion ging es weiter mit kleinen Gesprächen beim Come together mit Wein, Saft oder Wasser und Knabberzeug (auf dem Bild links Jörg Rossbach und ich rechts, beide Cosprecher Grüne 60plus). Viele Gäste hatten sich in Listen eingetragen, um eine schriftliche Zusammenfassung der Veranstaltung und Adressen der genannten Institutionen zu bekommen. Alle Grünen 60plus gingen am Ende beseelt nach Hause. Tolle Veranstaltung, die wir in anderen Bezirken wiederholen sollten.


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*Der Campus Uhlenhorst ist eine Bildungseinrichtung für Jugendliche mit Lernbeeinträchtigungen, die das 10. bzw. 12. Schulbesuchsjahr abgeschlossen haben. Der Förderverein hat uns freundlicherweise den schönen Veranstaltungsraum zur Verfügung gestellt.

**Der Altenbericht wird in jeder Legislaturperiode einmal erstellt, der siebte und aktuellste Altenbericht hatte unter der Leitung von Prof. Andreas Kruse den Auftrag, Handlungsempfehlungen für eine nachhaltige Seniorenpolitik in den Kommunen zu erarbeiten und kann unter dem Link im Text runtergeladen werden.

***Q8 Sozialraummanagement verfolgt das Ziel, dass alle Menschen im Quartier selbstbestimmt leben können und dafür die Unterstützung finden, die sie brauchen. Mit Hilfe von Q8 sollen im Quartier neue und finanzierbare Unterstützungsformen entstehen, bedarfsgerecht, so wie es der Stadtteil braucht. Die 8 steht dabei für die 8 Lebensbereiche, die für ein gutes Miteinander erforderlich sind.

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